„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“

On the road- Jack Kerouac

6.

Wir sind in einer dieser Bars in Paris, die super chic und modern aber gleichzeitig auch so underground sind, dass sie niemand kennt aber trotzdem jeder hingeht. 2012 war die Pariser Bar und Nachtclubszene ein bisschen das, was Berlin 2016 war. Alles war geheim und exclusive aber jeder wusste Bescheid. Ein unausgesprochenes Geheimnis.

Alex stand auf einem Ding, das man mit viel Fantasie Bühne bezeichnen kann. Alex spielt Gitarre – in mehreren Bands. Es macht mich stutzig, dass Alex mit 19 Jahren schon so viel Erfolg hat, so viel erlebt hat. Manchmal frage ich mich, ob das Leben einem noch etwas zu bieten hat, wenn man zu früh alles gesehen hat.

Auf den ersten Blick ist mir klar, dass Alex auf Drogen ist. Vermutlich Kokain. Wie der Rest der Band. Ich habe schon oft Bands gesehen, die auf Drogen waren. Im Laufe der Jahre habe ich zu unterscheiden gelernt. Es ist nicht so schwer. Wenn man die Musik kennt und einordnen kann, lassen sich die dazu passenden Drogen wie Puzzelteile hinzufügen.

Ich selber habe nie viel davon gehalten. Ich mag es nicht, die Kontrolle zu verlieren, egal wie oder wodurch. Ich weiß gerne, was ich wie, wo, wann, wieso und mit wem tue. Ich hole mir ein Bier an der Bar und steige über die kleine, weiß lackierte Wendeltreppe ins erste Untergeschoß hinunter.

Mit jedem Schritt werden die Gitarrenklänge leiser, die Electro Beats lauter. Mit jedem Schritt wird Alex Kopfnicken weniger, das meiner Freunde mehr. Gemeinsam mit ihnen verliere ich mich in einem über Laptops erzeugten Klang aus Bässen. Die Mädles und ich tanzen und schreien uns Parolen ins Gesicht, an die wir uns am nächsten Tag nicht mehr erinnern können. Wir stoßen mit Bier an, von dem wir uns am nächsten Tag wünschen, dass es Wasser gewesen wäre. Doch für einen Moment ist das unser zu Hause und wir kennen nichts außer diesen vier Wänden. Diese vier Wände einer schäbigen Bar in Paris, nahe der Metro Station Chatelet.

Über mir spielt Alex Gitarre und verliert sich ganz in der Musik, so wie wir uns in den elektronischen Klängen der Bässe. Alex ist so in das Spielen vertieft, in einer eigenen kleinen Welt, dass Alex nicht bemerkt, wie ich vorbei gehe, um mich kurz vor dem Ausgang noch einmal umzudrehen. Die langen, schwarzen Locken hängen strähnig ins Gesicht und von der Lippe tropfen kleine, glänzende Schweißperlen.

Dieses Bild brennt sich mir in Gedächtnis ein. Wie ein Foto trage ich es in Gedanken mit mir herum. Manchmal ist es stärker, manchmal schwächer. Eine schwarz-weiß Momentaufnahme, festgehalten von einer alten Spiegelreflexkamera.

Erst Jahre später wird mir dieses Bild wieder ins Gedächtnis schießen. In einem kleinen nepalesischen Restaurant in Luxemburg wird mir dieser Abend wieder einfallen. Wird mir wieder einfallen, dass ich Alex schon einmal gesehen habe. Es wird mir wieder einfallen, wieso mir Alex‘ Gesicht so bekannt und vertraut vorkommt. Auch die Melodie, die Alex an jenem verschwommenen Abend in Paris gespielt hat, wird mir wieder einfallen. Plötzlich wird alles wieder da sein, aber ich werde nur da sitzen und lächeln und auf die Frage von Alex, an was ich gerade denke, werde ich antworten „An gar nichts„.

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