„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“
On the road- Jack Kerouac

4.

„Sehr geehrte Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Innsbruck Hauptbahnhof.“ Zum gefühlten hundertsten Mal schaue ich auf die Uhr. Um genauer zu sein auf die digitale Anzeige meiner Handyuhr. Ich bin seit über 11 Stunden unterwegs und das lange Zug fahren macht sich langsam bemerkbar. Ein leicht stechender Schmerz an meiner linken Schläfe bereitet mir ein bisschen Sorgen. Das geht seit über zwei Stunden so, und wird von Minute zu Minute stärker. So habe ich mir meine Ankunft in Innsbruck nicht vorgestellt. In der dunklen Fensterscheibe, die das Innere des Zuges wieder spiegelt, werfe ich einen prüfenden Blick auf mich. Der Kurzhaarschnitt, die roten Lippen, die Wimperntusche. Alles sitzt.

Während der Zug mit quietschenden Bremsen langsamer wird, bemerke ich, dass es regnet. Nur ganz leicht bilden sich nach und nach Ansammlungen von kleinen Regentropfen auf der Fensterscheibe des ICEs. Bei so einem Wetter wundert es mich überhaupt nicht, dass ich Migräne habe, eine Angewohnheit, die sämtliche weiblichen Familienmitglieder Mütterlicherseits miteinander teilen. Natürlich würde nie eine von uns jemals zugeben, dass sie wetterfühlig oder etwas der Gleichen ist, was uns dennoch bei gelegentlich vorkommenden Telefonaten nicht davon abhält uns gegenseitig zu fragen „Und, ist dir auch so schlecht gegangen mit Mittwoch? Das war sicher das Wetter. Regen bei 27 Grad im Sommer, diese schwüle Hitze. Unerträglich. Das ist ja nicht normal“.

Während der Zug sich langsam einbremst und die spärlichen Umrisse des Innsbrucker Bahnhofs zu erkennen gibt, versuche in einerseits Alex zu erblicken, andererseits aber einen Blick auf die Stadt zu erhaschen – vergeblich, da die Dunkelheit der Nacht Tirols Landeshauptstadt völlig eingehüllt hat.

Es quietscht, zischt und dampft. Auf einmal gehen die Türen auf – herzlich willkommen im 21. Jahrhundert. Ich versuche meinen Koffer, der mich die letzten 8 Monate in mehrere Städte und sogar auf 3 Kontinente begleitet hat und dementsprechend genauso groß und ziemlich sicher auch gleich schwer wie ich war, aus dem Zug und auf den Bahnsteig zu hieven.

Mit Mühe und Not dort angekommen halte ich Ausschau nach Alex, was nicht wirklich schwer ist, denn mit 1.92 Meter ist Alex nicht zu übersehen. Alex grinst verschmitzt und hebt schlaksig die Hand. „Hey“. Den Tiroler Akzent kann Alex nicht mal bei dem kürzesten Wort ablegen.

Alex und ich haben uns übers Internet kennen gelernt. Heutzutage keine Seltenheit mehr, damals war das schon noch etwas, was eher in die Richtung „Alarmglocken läuten“ gegangen ist. Wobei es nicht so schlimm war. Ein gemeinsamer Freund hat uns einer kleinen Facebookgruppe hinzugefügt. Und aus einer Laune heraus – ich weiß noch, dass es ein Mittwoch war, da war ich nämlich immer in dem kleinen Waschsalon unweit meiner Pariser Wohnung entfernt Wäsche waschen – habe ich Alex angeschrieben. Vermutlich hatte ich gerade kein gutes Buch dabei. Normalerweise waren meine Mittwoche nämlich geprägt von stundenlangen Aufenthalten im Waschsalon mit einem guten Buch und einem Croissant aus der Boulangerie nebenan.

Aus welchem Grund auch immer ich Alex angeschrieben habe, es hat letztendlich dazu geführt, dass ich einige Monate später hier in Innsbruck stehe. Mit einem quasi wildfremden Menschen, der mich – größenbedingt – von oben herab angrinst und glaube ich, genauso wenig wie ich weiß, was wir jetzt machen sollen.

Wetterbedingt rauchen wir eine Zigarette und Alex überlegt, wie wir am schnellsten und am trockensten nach Hause kommen. Müde dackel’ ich bis zur Busstation hinterher. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man mit jemandem unterwegs ist, den man eigentlich nicht kennt aber trotzdem denkt, dass man alles von der Person weiß.

In der Wohnung angekommen setzten wir uns noch ein bisschen auf den überdachten, regengeschützten Balkon. Wir rauchen weiter. Ich Zigaretten und Alex Joints. Unweit von uns schlägt ein Blitz ein und erhellt die gesamte Umgebung für einige Sekunden.

Erschrocken schaue ich Alex an und sage „Aber, da ist ja ein Berg!“. Alex schüttelt nur den Kopf, grinst und kontert „Ja du blödes Stadtkind, wir sind ja auch in Innsbruck“.

Ich schaue dem in der Dunkelheit bereits verschwundenen Berg noch lange nach.

 

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