„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“
On the road- Jack Kerouac

3.

Es ist der erste Mai 2012. Ich stehe vor der Metro Station und warte. Warte wie so oft auf Alex. Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu. Wie etwas, was sich wie ein roter Faden, wie ein Leitmotiv durch mein Leben zieht. Mein Warten auf Alex. Andere warten auf Godot, ich warte auf Alex. Natürlich war ich wie immer zu früh. Eine Angewohnheit, die ich mit der Zeit ablegen werde und die ich gerne wieder hätte. Es ist nichts schlechtes, zu früh zu kommen. Jemand hat mir mal erzählt, dass er grundsätzlich 15 Minuten zu früh kommt, aus Angst davor, zu spät zu sein. Ich halte das für übertrieben, aber nicht unbedingt für schlecht.

Ich überlege kurz, zurück in die Wohnung zu gehen. Die liegt nur einige 100 Meter von der Metro Station entfernt, in einer der vielen kleinen Straßen, die ich als so typisch für Paris empfinde. Wie alle Häuser hat auch das Haus in dem ich wohne, in dem ich meine kleine Wohnung gemietet habe, diese seltsamen Balkongeländer, die aus einem eigenartigen Grund alle die Form von Penissen haben. Es sind eigentlich Herzen. Aber die Art und Weise wie sie zusammengeschweißt wurden, lassen sie aussehen wie hunderte, kleine Penisse auf den Straßen von Paris.

Just in dieser Sekunde tauchen Alex’ Locken auf den Stiegen der Metro auf. Es scheint so, als würden die Locken ein Eigenleben führen, als würden sie auf dem Kopf tanzen wie tausend kleine eigenständige Lockenpüppchen.

Ein breites Grinsen breitet sich über Alex‘ Gesicht aus und die strahlend weißen Zähne blitzen in der Sonne. Bonjour. Der elsässische Akzent ist nur ganz leicht erkennbar. Natürlich war er für mich überhaupt nicht erkennbar. Auch nach all den Jahren meines Französisch-Studiums, den zahlreichen Sprachkursen und Auslandsaufenthalten beschränken sich meine Sprachkenntnisse auf ein Minimum. Es reicht gerade so aus, um mir ein Bier zu bestellen und ein Packerl Zigaretten zu kaufen. Nach dem dritten Bier habe dann auch ich irgendwann das Gefühl, dass ich halbwegs gut Französisch spreche. Beziehungsweise ist es mir dann einfach egal, wenn mich niemand versteht und mir auch nicht zu peinlich, mich mit Händen und Füßen zu verständigen.

Alex und ich haben uns in einem Zug von Luxemburg nach Paris kennen gelernt. Am Anfang habe ich noch an dem Fünkchen Hoffnung festgehalten, dass Alex vielleicht aus Luxemburg kommt und/oder Deutsch spricht. Das ist aber nicht der Fall. Wie fast alle Franzose spricht auch Alex nur Französisch. Tiptop, wie man in Luxemburg sagen würde.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie sind wir dann doch in einem der kleinen Cafés gegenüber vom Gare de l’Est gelandet. Ich mit meinem Café allongé und Alex mit einem Café au lait. Wir sitzen an einem dieser kleinen, runden Tische aus Marmor, die so typisch sind für Frankreich, vor allem für Paris sind und die man auf allen Terrassen findet. Damals war das auf-der-Terrasse-sitzen auch noch kein Zeichen gegen terroristischen Widerstand sondern vielmehr ein Ausdruck des Genießens.

Und jetzt steht Alex mit dem schwarzen Lockenkopf auf einmal wieder vor mir, nach zwei Wochen, und hält mir strahlend ein Maiglöckchen entgegen. Auf meinen irritierten Blick hin, versucht Alex mir zu erklären, dass es sich hierbei anscheinend um eine französische Tradition handelt. Ich nicke, lächle, nehme das Maiglöckchen, von dem ich mir nicht ganz sicher bin, was ich jetzt eigentlich genau damit machen soll, entgegen und schlage vor, nach Bercy zu fahren, ein kleines, künstlich angelegtes Viertel, nur einige Metro Stationen von Daumesnil entfernt, mit reizenden Bars und nicht zu teurem Bier.

Wir bleiben dort einige Stunden und es kommt mir länger vor, als es mir eigentlich vorkommen sollte. Obwohl wir uns recht nett unterhalten, habe ich den Eindruck, dass Alex die Konversation zu sehr erzwingt. Alex redet viel von sich und davon, dass eines der besten Weinguts Frankreich im Familienbesitz ist. Ich höre im nur halbherzig zu, weil ich in Gedanken in der Lockenpracht versunken bin. Diese mehr als pechschwarzen, glänzenden Locken in denen ich so gerne meine Hände vergraben und in ihnen herumwuscheln würde. Anscheinend bemerkt Alex meine Abwesenheit und fragt nach der Rechnung. Als wir gehen, lasse ich das Maiglöckchen unbemerkt auf dem Tisch liegen.

 

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