Rosa ist eine tolle Frau. Ich kenne sie ausschließlich über Instagram und habe mich noch nie „in echt“ mit ihr Unterhalten.
Trotzdem geht mir ihre Geschichte sehr nahe, denn ich weiß, dass Rosa und ich uns im echten Leben richtig gut verstehen würden.
Rosa hat über ihre Story auf Instagram dazu aufgerufen, ihre Artikel zu teilen. Und hier sind sie.

Ursprünglich erschienen auf www.consciouslifestyleofmine.com und hier unverändert wiedergegeben.

Nach meiner letzten Fehlgeburt habe ich mit allen über meinen Verlust gesprochen. Ich wollte nicht, dass das Thema tabuisiert wird, ich wollte allen erklären, dass eine Fehlgeburt etwas Normales ist, etwas was jeder zweiten Frau passiert. Es schien mir mein Auftrag in meiner Situation zu erläutern, dass das, was ich erlebt habe, jeder Frau, jedem Paar passieren kann und das man sich an den Gedanken gewöhnen sollte, dass nicht jede Schwangerschaft so endet, wie man es sich wünscht. Ich wollte keine Angst schüren, ich wollte, dass gesehen wird, dass eine Fehlgeburt keine Schande ist, sondern etwas Normales. Dieses Mal verspüre ich diesen Drang weniger. Ich habe es meiner Mutter erzählt, sie war heute Vormittag bei mir, hat mich umsorgt und war für mich da, wir haben zusammen geweint und es ist schön zu wissen, dass sie da ist und Bescheid weiß. Ich habe es meinem Vater erzählt, weil er Schamane ist und ich mit ihm über einige schamanische Praktiken in dieser schweren Zeit sprechen wollte. Drei Freundinnen wissen Bescheid. Sonst niemand. Der Grund, warum ich so wenig Lust verspüre es vielen Leuten zu erzählen ist ganz einfach folgender: nach meiner letzten Fehlgeburt wurde ich von vielen Menschen gefragt warum das Kind, meiner Meinung nach gestorben ist. Warum stirbt ein Kind?

Warum sterben Kinder und wie viel bringt es diese Frage überhaupt zu stellen?

Erst heute Morgen habe ich von einem fast vierjährigen erfahren, der am Tag vor meiner Fehlgeburt an einem Flummi erstickt ist. Warum passiert sowas? Sicherlich nicht, weil die Mutter so unachtsam war, den Flummi liegen zu lassen. Es hätte genauso gut eine Nudel oder ein Stein sein können. Niemand auf dieser Welt ist schuldig an dem Tod dieses kleinen Kindes. Und niemand auf dieser Welt ist schuld an dem Tod meiner beiden Kinder. Wer nach einem Warum fragt, der fragt nach einem Verantwortlichen, nach einem, dem man die Schuld geben kann. Aber den gibt es nicht. Und es hilft niemanden ihn zu suchen.

Die Seelen dieser Kinder haben sich dazu entschieden in den Körper zu gehen in den wir sie dann sehen können. Sie haben sich aus einem Grund dafür entschieden, den wir vielleicht nicht nachvollziehen können, der uns vielleicht unverständlich ist. Meine beiden totgeborenen Kinder haben sich entschieden diese Welt wieder zu verlassen, nachdem sie einige Wochen in meinem Bauch waren. Vielleicht haben sie ihren Auftrag auf der Erde in so kurzer Zeit schon erfüllt, vielleicht sind sie deswegen wieder verschwunden. Eine Antwort gibt es nicht. Aber klar ist, dass es niemanden hier auf der Erde gibt, der Schuld daran trägt.

Nach meiner ersten Fehlgeburt wurde ich gefragt: glaubst du es war der Stress? Glaubst du es war die Erkältung, die du zu der Zeit hattest? Hast du schonmal darüber nachgedacht, dass es vielleicht an deiner veganen Ernährung liegen könnte?

Was soll man als Frau, die gerade ein Kind verloren hat, mit solchen Fragen anfangen? Was verspricht sich der Fragende von solchen Fragen? Nach der ersten Fehlgeburt habe ich Antwort gegeben und erklärt: ja, vielleicht lag es am Stress, man weiß es nicht, andere Mütter bekommen ihre Kinder auch, wenn sie im Stress leben lebendig. Ja, vielleicht lag es an der Erkältung, man weiß es nicht, andere Mütter bekommen ihre Kinder lebendig, selbst wenn sie erkältet sind. Ja, vielleicht liegt es an meiner Ernährung, ich weiß es nicht, ich tracke alle meine Nährstoffe, ich habe immer von allem genug und meine Blutwerte sind tiptop, mein Eisen sogar höher als bei meiner ersten Schwangerschaft in der ich meine Tochter lebendig auf die Welt brachte, trotz niedrigem Eisenwert, aber ja, man weiß es nicht.

Dieses Mal habe ich nur eine Antwort auf die Warum frage: weil diese Seele sich dafür entschieden hat.

Und diese Antwort fühlt sich gut an. Denn ich habe nicht mehr Stress, als andere. Ich war schon sehr lange nicht wirklich krank. Ich ernähre mich nährstoffreicher und bewusster, als 90% der Mütter da draußen. Und vor allem aber liegt die Schuld nicht bei mir. Ich bin nicht für den Tod dieses Kindes verantwortlich.

Und ich wünschte mir, dass das in der Gesellschaft ankommen würde… das Mütter, die erleben müssen, was ich erleben muss, nicht mit ihren möglichen Schuldgefühlen allein gelassen werden, dass Mütter nicht nach einem „warum“ gefragt werden oder selbst danach suchen, dass Mütter sich und ihren Körper und ihr totes Kind weiterhin lieben können, sich selbst liebevoll behandeln können, dass Mütter dankbar für die Zeit mit dem Kind im Bauch sein können, dass Mütter dankbar für die Erfahrung der kleinen Geburt sein können, dass Mütter dankbar für das Leben sein können – dieses Leben, dass es ohne Tod nicht gibt. Denn Leben und Tod gehören immer zusammen. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Es ist traurig, wenn jemand stirbt. Egal ob die beste Freundin, die liebste Tante oder das Kind im Bauch. Es ist immer sehr traurig, es ist schmerzhaft, es ist traumatisch. Doch die Frage nach dem Warum bringt uns nicht weiter, sie bringt uns nur tiefer in die Verzweiflung.

Als meine Hebamme in der Nacht der Fehlgeburt zu uns nach Hause kam um uns bei der Geburt zu begleiten, war eines der ersten Dinge, die sie zu mir sagte „es gibt keinen Grund“ und das hat mir sehr geholfen, loszulassen.

PS: natürlich ist es etwas anderes, wenn eine Frau während der Schwangerschaft viel Alkohol trinkt, raucht, Drogen nimmt etc. Ich gehe hier von all den vielen Frauen aus, die sich und ihr Kind nicht absichtlich Gefahren aussetzen.

Ursprünglich erschienen auf: http://www.consciouslifestyleofmine.com/warum-sterben-kinder

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