Es wird bald keinen Luxus mehr geben

Denke daran, daß du schuld bist an allem Entsetzlichen, das sich fern von dir abspielt. – Günter Eich.

Du bist einer von den ganz Großen. Du bist in einer Managementposition oder arbeitest dich gerade dort hin. Du trägst eine fancy Uhr und fährst ein teures Auto. Du legst Wert auf dein Aussehen, auf deinen Kleidungsstil. Wenn man dich sieht, sollen Leute gleich merken „Na aber Hallo! Der/Die ist aber fesch. Der/die macht sicher was ganz Tolles“. Statussymbole sind für dich nichts Negatives. Ganz im Gegenteil. Du definierst dich darüber, du willst immer mehr davon, weil du gemerkt, gesehen und gespürt hast, was Luxus ist. 5 Sterne Hotels, 1st class Plätze, Traumurlaube in tropische Länder mit weißem Sandstrand und so viel Geld, dass du dir nie darüber Gedanken machen musst. Ein großes Haus, eineN tolleN Partner/in und zwei oder vielleicht auch drei Luxusklasse-Wagen. Kurzum, in deiner Vorstellung schaut dein Leben aus wie aus einer MTV Cribs Folge. Nur natürlich besser.

Natürlich ist dir bewusst, dass es nicht allen Leuten so geht. Du hast natürlich schon davon gehört, dass ArbeiterInnen in Ländern des globalen Südens ausgebeutet werden, dass es moderne Sklaverei nach wie vor gibt, dass Lebensmittel mit Pestiziden verseucht sind und Tiere nicht zu Tode gestreichelt werden. Immerhin lebst du ja nicht hinter dem Mond. Du bist ein gebildeter Mensch und bezeichnest dich gerne als weltoffen und kosmopolitisch. Natürlich hat sich dein Konsumverhalten in letzter Zeit ein bisschen verändert – um dein Gewissen zu beruhigen, kaufst du vermehrt Bio-Produkte. Die sind teurer und deswegen aber eben auch besser. Selbiges gilt ja auch für die teuren Kosmetiksachen und die teuren Designerklamotten, oder?

Machen wir doch ein kleines Gedankenexperiment. Nichts zu Spirituelles, keine Sorge. Wir bleiben hier total bei der Sache. Stell dir vor, du planst deinen Urlaub. Es geht auf die Malediven, oder Bali, oder Sansibar – irgendetwas mit türkisen Meer, weißen Sandstränden und Palmen. Oder habt ihr so eine kleine Hütte, eine von diesen runden, die direkt ins Meer gebaut sind. Drinnen natürlich mit allerhand Luxus: Badewanne, Freiluft Dusche, Whirlpool, Kind Size Bett, Glasboden um die Fische zu beobachten etc. Einfach alles, was zu so einem tollen Luxusurlaub dazu gehört. Du freust dich schon total – natürlich nicht zu letzte auch deswegen, weil die ArbeitskollegInnen ein bisschen neidisch sind, dass du so einen tollen Urlaub hast.

Du fliegst also auf die Trauminsel. Du kommst an. Steigst aus dem Flugzeug, holst dein Gepäck, gehst in die Ankunftshalle und durch die Tür hinaus ins Freie. Dir schlägt heiße Luft ins Gesicht. Aber nicht die Art von heißer Luft, die wir uns auf einer tropischen Insel erwarten. Nein. Es ist heißer, klebriger Smog. Du beginnst zu husten. Du schaust dich um, überall liegt grauer Staub, wie eine ganz feine Decke. Auf den Autos, auf den Palmen, auf der Straße. Das, von dem du dachtest, es sei das Paradies, hat einen grauen Schleier. Na gut, das liegt jetzt einfach nur daran, dass wir am Flughafen sind, das schaut doch überall so aus, denkst du dir. Mit einem Taxi fährst du zum Ressort.

Du kommst dort an, machst die Tür des Autos auf, steigst mit dem rechten Fuß hinaus und ziehst in angeekelt gleich wieder zurück ins Auto. Du bist auf etwas drauf gestiegen. Du bist dir nicht sicher was es ist. Vorsichtig schaust du, was es ist: es ist Dreck. Mist. Abfall. Überall liegt Verpackungsmüll. Plastik. So weit das Auge reicht. Von weißen Sandstränden und türkisen Meeren keine Spur. Alles ist verdreckt und verseucht.

Das mit dem Traumurlaub auf weißem Sandstrand und blauem Meer war dann wohl nichts.

Okay, weiter geht’s. Stell dir vor, du fährst ein richtig cooles Auto. Oder ein richtig teures Motorrad. Kurvige Straßen, Waldwege, tolle Panoramen. Du genießt es, dich mit voller Geschwindigkeit in die Kurve zu legen, über Pässe zu fahren und auf Berge hinauf. Ganz weit oben, da spürt man die Freiheit nämlich so richtig.

Du fährst also weit über dem Tempolimit eine Serpentinenstraße hinauf, du bist ganz alleine – die Straßen gehören dir. Oben angekommen bremst du dich ein, bleibst auf einem Pannenstreifen stehen, steigst aus dem Auto aus beziehungsweise nimmst du den Motorradhelm ab. Du gehst zu Aussichtsplattform. Als Kind warst du oft da. Mit deinem Vater. Von ihm hast du auch die Liebe zu schnellen Fahrzeugen. Früher hat man über den ganzen Wald gesehen und wenn es schön war und der Himmel klar, dann hat man am Horizont sogar die Bergkette gesehen. Toll war das. Du bist gerne hergekommen.

Und auch jetzt macht dir die Fahrt noch Spaß. Die kurvigen Straßen. Nur der Ausblick ist nicht mehr derselbe. Ja, weit sieht man immer noch. Sehr weit. Aber es ist alles grau. Dort, wo der Wald war, sind jetzt Gräber. Gräber von stillgelegten Kohlekraftwerken. Kohlekraftwerken, die alles Leben ausgerottet haben. Hinten am Horizont sind die neuen Kohlekraftwerke. Die, die noch gut funktionieren. Dort sieht man den Rauch. Aber wie lange noch? Wie viel Kohle kann noch abgebaut werden, bevor auch die Felder nichts mehr hergeben?

Diese Fragen stellst du dir natürlich nicht. Oder nur mit dem Hintergrundgedanken wo sie die neuen Felder hin bauen. Verlieren deine Grundstücke dann an wert? Werden sie die Serpentinenstraße wegreißen, über die du so gerne fährst? Solltest du vielleicht doch noch in Aktien von Kohlekraftwerken investieren?

Natürlich geht es bei dir nur um Geld. Um Luxus. Um deinen Vorteil. Aber ich sage dir mal was und ich sage dir das jetzt in aller Deutlichkeit: wenn wir alle – und da gehörst du auch dazu – so weitermachen, wie bisher, dann gibt es keinen Luxus mehr, den du genießen kannst. Dann gibt es keine weißen Sandstrände und blaue Meere mehr. Dann gibt es einfach nichts mehr. Auch keinen Luxus. Wenn es aus ist, ist es aus. Auch für dich.

[Featured Image: Photo by Raul Varzar on Unsplash]

 

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