Alex oder mein Leben in Kurzgeschichten VII | Das letzte Kapitel

„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!’“

On the road- Jack Kerouac

7. | Das letzte Kapitel

Betreten stehe ich im Hauseingang und schaue auf die sich vom Himmel hinabstürzenden Regentropfen. Von einem Moment auf den anderen hat es richtig heftig zu regnen angefangen. Wobei „regnen“ hier wirklich die falsche Wetterbeschreibung ist. Selbst das Wort „schütten“ ist für diesen Zustand eine regelrechte Untertreibung. Es ist eher so, als würde jemand ununterbrochen Kübel ausleeren – oder vielleicht eher eine Badewanne oder ein Schwimmbecken.

Rechts von uns schlägt der Blitz ein und für einen kurzen Augenblick färbt sich der ganze Himmel in ein dunkles Violett. Ich zucke zusammen, schließe die Augen und fange an zu zählen. Nach fünf Sekunden donnert es. Immer noch nicht weniger als noch vor ein paar Minuten. Dieses schreckliche Gewitter scheint nie wieder aufzuhören.

Gewitter habe ich noch nie besonders gemocht. Generell mag ich Dinge nicht besonders, die laut sind. Konzerte zum Beispiel, oder kreischende Mädchen, oder Kasperltheater oder eben auch Gewitter. Außerdem klingen Gewitter ein bisschen so wie Erdbeben. Noch ein Grund sie nicht sonderlich zu mögen. Dieses dumpfe Grollen, von dem man nicht genau weiß, wie es entsteht und wo es herkommt, wann es aufhört oder wo es als nächstes zu hören sein wird. Nein, darauf kann ich wirklich verzichten. Ich kriege Gänsehaut und versuche die Erdbeben-Assoziation weg zu schütteln. Das funktioniert allerdings nur bedingt.

Plötzlich spüre ich auf meinem Rücken eine Hand. Ganz zögerlich drückt sie mich an den dazugehörigen Körper, an den Körper der Alex gehört. Anscheinend hat Alex bemerkt, dass ich ein klein wenig Angst habe – das ist auch, um ganz ehrlich zu sein, nicht zu übersehen. Bei Gewitter stelle ich mich an wie ein Rehkitz auf einer Treibjagd.

Jetzt stehen wir also da. In einem 08/15 Hauseingang bei strömenden Regen Anfang August. Für Anfang August ist es ziemlich kalt und langsam fange auch ich an, an dieser Klimaerwärmung zu zweifeln. Sie hätten es einfach Klimaerkältung nennen sollen. Wobei das auch deppates Wort ist. Fast so, als hätte das Klima eine Erkältung. Wobei das ja auch wieder irgendwo stimmt, weil das Klima ist ja wirklich krank. Wenn es im August unter 10 Grad hat, aber dann zu Weihnachten ist es plötzlich so warm wie normalerweise zu Ostern, kann mir niemand erklären, dass das Klima keine Erkältung hat. Wobei das schon eher was Gröberes ist. Eine Klimalungenentzündung oder eine Bronchitis.

Auf jeden Fall stehen wir jetzt da. Ich stehe da. Alex steht da. Ich und Alex stehen da. Ich klammere mich an Alex‘ Jacke. Alex drückt mich an sich. Ich und Alex. Alex und ich. Noch vor drei Monaten hätte sich das wohl niemand gedacht. Wobei das nicht ganz stimmt, weil ich habe es mir schon gedacht.

Eigentlich ist das in den Filmen immer genau der Moment, an dem es zu einem unheimlich romantischen Kuss kommt. Es regnet, die Protagonisten sind ein bisschen nass, man wird gegen die Hausmauer gedrückt und leidenschaftlich geküsst und wie durch ein Wunder reißt die Wolkendecke auf, die Sonne erstrahlt hell und warm und allen ist klar: Das ist Liebe.

In der Situation, in der ich bin, gibt es jetzt allerdings zwei Probleme: 1. Ist es schon nach 21 Uhr, also die Sonne wird bestimmt nicht mehr hell erstrahlen und 2. regnet es nicht ein bisschen, sondern es gewittert richtig stark. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich mir im Geheimen tatsächlich gewunschen habe, dass Alex und ich uns das erste Mal im Regen küssen. Und irgendwo sind Regen und Gewitter ja auch das selbe. Da darf man jetzt nicht so kleinlich sein.

Durch die Jacke hindurch drücke ich Alex ein ganz klein bisschen fester, schließe sicherheitshalber schon einmal die Augen und sage mir die Wörter „Küss mich“ im Kopf wie ein Mantra vor. Küss mich, küss mich, küss mich, küss mich, küss mich, küss mich. Es passiert nichts. Ich öffne die Augen und hebe den Kopf. Alex ist noch da. Die nassen Locken hängen auf der Stirn und die Ähnlichkeit mit einem gebadeten Pudel ist nicht zu übersehen. Wobei es eher ein gebadetes Küken ist. Alex sieht mehr wie ein Küken aus, als wie ein Pudel.

Just in diesem Moment schaut auch Alex mich an. Ich merke, wie sich die Hand langsam von meinem Rücken entfernt. Fast zeitlupenmäßig löst sie sich von meiner nassen Jeansjacke. Ich spüre, wie der Druck der Handfläche weniger wird, wie Luft zwischen Alex‘ Handfläche und meinen Rücken kommt, die Wärme der Hand verblasst zusehends und schon sehe ich, wie Alex sie in die Hosentasche steckt, sich leicht von mir wegdreht und sich fast schon gedankenverloren dem Regen widmet.

Das mit dem Hollywoodkuss hat eindeutig nicht funktioniert.

 

 

 

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