Alex oder mein Leben in Kurzgeschichten V

„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“
On the road- Jack Kerouac

5.

„Your faith was strong but you needed proof | You saw her bathing on the roof |Her beauty and the moonlight overthrew you | She tied you to a kitchen chair | She broke your throne, and she cut your hair | And from your lips she drew the Hallelujah“ Ungefähr zum hundertsten Mal sehe ich diese eine Folge. Diese eine Folge der Serie O.C. California in der Marissa in den Armen von Ryan stirbt. Es spielt eine Version von Halleluja. Ich weiß nicht welche. Ich kenne die einzelnen Versionen nicht auseinander. Ich hatte noch nie ein musikalisches Talent. Weder ein musikalisches Gehör noch sonst irgendetwas. Die vier Jahre Gitarrenunterricht, sowie die sechs Jahre Klavierunterricht haben sich nie wirklich bezahlt gemacht.

Ich erinnere mich noch gute an den Tag, an dem mein Klavier- und Gesangslehrer mir erklärt hat, dass es keinen Sinn ergibt, weiter Gesangsunterricht zu nehmen, weil ich klinge wie ein kleiner Welpe, auf den man mit Füßen tritt. Es war meine zweite Gesangsunterrichtsstunde und ich kann nicht einmal sagen, dass ich enttäuscht gewesen wäre. Ich war mir sogar von Anfang an sicher, dass es nichts bringt. Dass ich niemals so singen kann, wie einige meiner Freundinnen es können. Meistens singe ich im Auto. Und eher dann, wenn es zufällig ein Lied im Radio spielt, von dem ich zumindest einige Strophen auswendig kenne. Karaoke singen war immer – und ist es nach wie vor – ein Horror für mich. Ich höre gerne anderen Leuten zu, aber selber ans Mikro wage ich mich kaum. Es ist wie eine unsichtbare Blockade zwischen mir und dem Mikrofon. Als wären wir wie ein Magnet, der sich nicht anzieht, sondern abstößt.

Ich weiß nicht mehr wieso, aber genau dieses Lied, in dieser Version, die ich unter den vielen Versionen nicht einmal heraushören würde, erinnert mich an Alex.

Alex und ich Händchenhalten im Club. Alex und ich, wie wir uns in einem dunklen Eck küssen. Alex, die Person, neben der ich so oft eingeschlafen bin. Die Person, für die ich alles aufgegeben hätte, es aber nie getan hab. Die Person, die ich seit Jahren kenne aber ich nicht mehr genau weiß, woher.

Wir haben einmal versucht, es herauszufinden, aber wir wissen es beide nicht mehr. Klar ist, dass auf jeden Fall eine Menge Alkohol im Spiel war. So wie immer. Immer wenn Alex und ich uns sehen, trinken wir. Oder besser gesagt, sind wir betrunken. Vielleicht liegt es auch genau daran, dass nie etwas Ernstes aus Alex und mir geworden ist.

Einmal haben wir uns zum Brunch getroffen. Es war komisch. Wir wussten nicht wirklich, worüber wir reden sollen. Auf einmal hatten wir keine Gesprächsthemen und die unangenehme Stille hat uns öfter als einmal eingeholt.

Und jetzt ist es, wie jedes Mal, dieses Lied, das mich einholt. Dieses Lied, diese Melodie, die alle Erinnerungen an Alex wieder hervorrufen. Alles, was wir miteinander erlebt haben, jede einzelne Nachricht, jede noch so kurze SMS. Auf einmal poppt alles wieder vor mir und meinem inneren Auge auf. Alex. Alex und ich. Alex schaut mich an. Alex nimmt meine Hand. Alex ist schüchtern. Alex ist sich nicht sicher. Ich bin mir nicht sicher. Alex.

Wir haben uns seit einigen Jahren aus den Augen verloren und trotzdem ist es, als wäre es erst gestern gewesen. Ich habe das dringende Bedürfnis Alex zu schreiben. Meinem kleinen Äffchen. Hallo ich bin es, dein Kätzchen. Wie geht es dir? Aber ich tue es nicht. Es hätte keinen Sinn.

Ich fühle mich wie Marissa, die in den Armen von Ryan stirbt. Oder eher wie Ryan, der sieht, wie das Leben langsam aber bestimmt aus Marissas Körper weicht. Es ist ein komisches Gefühl und ich verstehe nicht, wieso es mich gerade jetzt einholt.

Nicht nur jetzt, sondern jedes Mal. Immer, wenn ich genau diese Szene sehe. Genau dieses Lied höre.

 

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