Repost: Am Abend danach – meine zweite Fehlgeburt

Rosa ist eine tolle Frau. Ich kenne sie ausschließlich über Instagram und habe mich noch nie „in echt“ mit ihr Unterhalten.
Trotzdem geht mir ihre Geschichte sehr nahe, denn ich weiß, dass Rosa und ich uns im echten Leben richtig gut verstehen würden.
Rosa hat über ihre Story auf Instagram dazu aufgerufen, ihre Artikel zu teilen. Und hier sind sie.

Ursprünglich erschienen auf www.consciouslifestyleofmine.com und hier unverändert wiedergegeben.

28.Februar 2018

Ziemlich genau acht Monate ist es her, dass ich meine erste „kleine Geburt“ hatte, dass ich ein winziges totes Baby geboren habe. Heute, acht Monate später stehe ich an dem gleichen Punkt wie vor acht Monaten… das Baby, das gestern Vormittag noch so lebendig war, so Teil unserer Familie, so Teil von mir und meinem Leben, dieses Baby ist in den letzten 24 Stunden zusammen mit Blut, Blut und noch mehr Blut aus meinem Körper geschwemmt worden. Heute bin ich wieder nur Mutter von einem Kind. Gestern noch von zwei. Innerhalb von wenigen Stunden ändert sich alles und doch bleibt alles gleich. Aber stehe ich wirklich an dem gleichen Punkt wie vor acht Monaten?

Damals war ich in der 13. Schwangerschaftswoche (ssw) zum Frauenarzt gegangen um mir bestätigen zu lassen, dass alles gut ist und um meinen Mutterpass abzuholen. Die Ärztin fand in meiner Gebärmutter aber nur ein totes Baby in der Größe der 6. Ssw. Wie es dann weiterging könnt ihr auch HIER nachlesen.

Beim letzten Mal war ich nicht vorbereitet, die Option „Fehlgeburt“ gab es bei mir nicht. Ich war mir sicher, dass dieses Kind leben wird, dass alles gut ist. Die Feststellung der Ärztin war wie ein Schlag ins Gesicht. Wie als würde mir jemand sagen „du kennst dich aber schlecht meine Liebe! Du hast eben nicht immer alles unter Kontrolle“. Mein Mann und ich fühlten uns leer, verlassen, allein. Wir hatten zunächst keine Ansprechpartner, niemand mit Erfahrung. Wir waren allein mit unseren Tränen. Nach der kleinen Geburt waren wir lange nicht so entspannt, wie wir es eigentlich immer waren. Wir hatten beide mit dem Trauma zu kämpfen. Das Jahr 2017 war anstrengend, auch darüber habe ich hier berichtet. Und es war anstrengend unter anderem weil es von einem toten Baby überschattet wurde. Nicht nur das; von der Erkenntnis, dass wir nicht alles in der Hand haben, dass wir nicht immer Glück haben, dass es Dinge gibt, an die wir glauben, die es aber gar nicht gibt. Wir hatten da schwer dran zu knabbern. Und wir sind daran gewachsen.

Zu Beginn des neuen Jahres lösten sich viele der Knoten, die sich durch die erste Fehlgeburt gebildet hatten. Meinem Mann und mir geht es immer gut zusammen, aber die zweite Hälfte von 2017 war die bisher schwierigste in unserer Beziehung, da wir ziemlich aus der Bahn geworfen waren und jeweils sehr lange nicht zurück zu unserem Gleichgewicht gefunden haben. 2018 begann mit neuen Erkenntnissen, gelösten Knoten und sehr viel Liebe. Wir waren wieder bei uns, jeder für sich und beide zusammen. Wir hatten neue Energie, es ging uns so gut, wie schon lange nicht mehr. Und dazu dann Mitte Januar die Nachricht, dass ich erneut schwanger bin. Wir haben uns so gefreut!

Und dennoch hatten wir auch sofort Angst. Angst vor einer Fehlgeburt, denn jetzt wussten wir ja, dass es jede zweite Frau trifft, dass Fehlgeburten eher die Norm als die Ausnahme sind. Wir versuchten uns vorzubereiten auf den möglichen Schmerz und hofften auf der anderen Seite mit jeder vergangenen Woche mehr. Ich suchte mir diesmal sofort eine Hebamme, denn ich wollte vorbereitet sein. Sollte es wieder zu einer Fehlgeburt kommen, wollte ich nicht allein sein. Jemand sollte für uns da sein, uns begleiten. Und in den ersten Wochen der Schwangerschaft wollte ich auch bei meinen Sorgen und Ängsten begleitet werden. So hatte ich in der 8. Woche den ersten Termin bei meiner Hebamme und bekam meinen Mutterpass. Es war alles gut. Ich war offiziell schwanger, hatte meinen Pass, hatte die Herztöne gehört, wir hatten das Kind gespürt. Es war alles gut. Ich war selig und begann immer fester an dieses neue Glück zu glauben. Im Kopf räumte ich schon das Kinderzimmer um, machte Pläne, las mir jede Woche durch wie groß das Kind jetzt gerade war und was es gerade für Entwicklungsschritte machte.

Ich fühlte mich gut und glücklich und meine Sorgen verschwanden. Für eine Weile. Dann hörte die Übelkeit schlagartig auf und ich fragte mich das erste Mal, ob wohl alles okay war. Plötzlich bekam ich beim Gedanken an Kürbis keinen Brechreiz mehr und mein Appetit war auch wieder relativ normal. Ich machte mir mehr und mehr Gedanken aber verdrängte diese auch. Am Sonntag, vor drei Tagen hatte ich dann ein starkes Ziepen im Bauch und sagte meinem Mann, dass ich mich nicht gut fühlte. Ich verbrachte den Nachmittag auf dem Sofa, das Ziepen ging weg und die neue Woche begann mit Arbeit und Besuch am Abend. Ich fühlte mich gut. Meiner Meinung nach ein wenig zu gut.

Am Mittwoch um 10Uhr war der nächste Termin bei der Hebamme, dann war ich in der 13. Ssw. Nach dem Termin wollte ich es endlich allen erzählen, es hier auf dem Blog posten. Der ganzen Welt erzählen, dass ich wieder ein Kind erwarte. Aber zu dem Termin kam es nicht.

Unser Kind dachte sich wohl, dass es nicht so schön gewesen wäre, wenn ich im Geburtshaus erfahren hätte, dass es nicht mehr lebt. Es wollte, dass ich zuhause bleibe und dafür bin ich sehr dankbar.

Am Dienstagnachmittag hatte ich erst leichte und dann stärkere Schmerzen. Zunächst machte ich mir noch keine Sorgen, mein Mann beruhigte mich. Ich telefonierte mit der Hebamme, sie beruhigte mich auch. Das sind die Mutterbänder, die sich dehnen, alles ganz normal. Zum Abend hin wurden die Schmerzen regelmäßiger und deutlicher. Es waren eindeutig Geburtswehen. Mein Mann und ich waren zusammen. Wir wussten was jetzt kommt und wir wussten, was wir wollten: unser Kind in friedlicher Atmosphäre zuhause bekommen. Beschützt, behütet, geborgen. Ein Krankenhaus war für uns keine Option um einen so traurigen Abschied zu vollbringen.

Ich sagte meiner Hebamme Bescheid und sie 30 Minuten später bei uns. Mein Mann und ich entschieden uns kurzerhand für einen Namen für das Kind, damit es nicht namenslos zur Welt kommen würde. Kurz bevor die Hebamme kam, hatte ich einen Blasensprung und das Fruchtwasser lief an mir herunter. Das hatte ich bei meiner ersten Fehlgeburt nicht gehabt (da war das Kind zu früh gestorben) und es fühlte sich irgendwo gut an, so einen realen Start in die Geburt zu haben. Nach dem Blasensprung ging es auch sofort los. Wehe nach Wehe kam, ich blutete viel. Die Hebamme war bei mir, massierte meine Beine und Füße und sagte immer wieder, wie beeindruckt sie von uns ist; darüber, dass wir uns dieser Erfahrung so intensiv stellen und nicht die Augen verschließen und im Krankenhaus das Kind „entsorgen“ lassen. Für mich und auch für meinen Mann gab es keine andere Option als die, in der wir uns befanden. Er hielt mich fest, massierte meine Schultern, ich blutete Wehe nach Wehe alles aus meiner Gebärmutter heraus. Wir weinten, wir hielten uns fest, wir freuten uns aber auch über die friedliche Stimmung, die Geborgenheit, das abgedunkelte Licht im Wohnzimmer, die vielen Kissen, die Wärme. Nach ein paar Stunden wurden die Wehen weniger und wir wollten versuchen zu schlafen. Die Hebamme ging nachhause, sagte aber wir dürften jederzeit anrufen. Im Bett kamen die Wehen erneut, mehr Blut, mehr Koagel. Dann schliefen wir eine Weile. Um 5Uhr wachte ich mit starken Schmerzen auf und wollte auf’s Klo. Mein Mann hielt mich. Auf dem Weg von etwa 4 Metern bis zum Klo wurde ich von meinen Schmerzen übermannt und fiel in Ohnmacht. Auch das kannte ich schon, so erging es mir bei meiner ersten Fehlgeburt auch. Ich kam wieder zu mir, ging auf’s Klo, blutete und blutete und ging wieder ins Bett. Wir schliefen noch bis 7Uhr bevor uns unsere dreijährige Tochter weckte. Ich fühlte in mich hinein und war wieder einmal erstaunt darüber, wie leer sich der Bauch plötzlich anfüllt. Gestern Abend war er noch voll gewesen, die Gebärmutter hatte ich gut von außen ertasten können, jetzt war der Bauch flach und von der Gebärmutter nichts mehr zu fühlen. Wir weinten, wir hielten uns fest und wir waren dankbar. Dankbar und voller innere Frieden.

Ich spürte plötzlich einen so enormen Frieden in mir, wie schon lange nicht mehr. Ich fühlte mich paradoxerweise so geborgen, so beschützt, so im Einklang mit der Welt. Meinem Mann ging es genauso. Nach der letzten Fehlgeburt hatte er ein Gefühl von Leere in sich, das war plötzlich weg. „Als wenn sich letzte Nacht ein Kreis geschlossen hat“ sagte er. War das erst der endgültige Abschied der letzten Fehlgeburt? Ich weiß es nicht, aber es ist erstaunlich wie wir uns derzeit fühlen.

Natürlich ist es alles noch sehr frisch, vor 24 Stunden hatte ich noch starke Wehen, jetzt sitze ich schon wieder auf dem Sofa, habe zwar Unterleibsschmerzen aber keine Wehen mehr und blute nur noch, wie als wenn ich meine Tage etwas stärker habe. In meinem Kopf ist noch ein Gefühlschaos. Wir weinen zusammen, wir reden zusammen, wir sind bereit diese Entscheidung unseres Babys anzunehmen. Wir sind nicht so überrumpelt, wie beim letzten Mal. Wir glauben beide sehr fest daran, dass eine Seele dann zu einer Familie kommt, wenn sie sich dafür entscheidet. Diese Seele wollte nur drei Monate bei uns sein und das ist okay. Sie hatte sicherlich trotzdem eine Aufgabe hier auf der Erde und die hat sie nun vielleicht einfach schon erfüllt. Sie hat uns Frieden gebracht, sie hat uns Liebe gebracht, sie hat uns aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass wir das Trauma der letzten Fehlgeburt noch nicht ganz überwunden haben. Sie war nur so kurz auf dieser Welt und trotzdem hatte sie schon so viel Einfluss. Dafür kann ich ihr nur dankbar sein.

Ursprünglich erschienen auf: http://www.consciouslifestyleofmine.com/am-abend-danach-meine-zweite-fehlgeburt


 

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