Alex oder mein Leben in Kurzgeschichten I

„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“
On the road- Jack Kerouac

1.

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich Alex das erste Mal gesehen habe. Die strahlenden, himmelblauen Augen und der fast schon stechende, schmerzende Blick hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt wie ein Mahnmal. Blau. Eine Farbe, die man eigentlich mit Weite und Freiheit verbinden. Mit Wasser, Meer, Himmel. Vielleicht sogar mit Sommer und Urlaub. Mit Glück und glücklich sein.

Es war in der Straßenbahn. Bim, wie man in Wien sagt. Zu einer Zeit, wo Bims noch nicht von mutmaßlichen Terroristen entführt wurden, zu einer Zeit wo wir uns noch nicht über unsere Smartphones definiert haben und negative Medienberichterstattung eher ein Fremdwort für uns war.

Das erste Mal, es war also in einer Bim in Wien. Der Stadt, der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Stadt der Rauchercafés und Zigarettenautomaten ohne Altersbeschränkung. Der Stadt in der man den Spritzwein bringt und LehrerInnen sowieso nur bis Dienstagnachmittag arbeiten. Wien, Wien nur du allein.

Alex. Damals kannte ich den Namen natürlich noch nicht, immerhin sind wir uns ja gerade erst begegnet. Auf jeden Fall sitzt Alex da, locker lässig wie nur ein Teenager in einer alten Straßenbahn locker lässig da sitzen kann. Den Kopf ans Fenster gelehnt, unmerklich wippend zu der Musik, die aus den winzigen Sony-Ohrstöpseln dringt.

Alex’ Augen folgen den Regentropfen, die sich nacheinander ein Wettrennen entlang der Fensterschreibe liefern. Einen Wettkampf lieferten sich auch die schwarze Jersey-Kapuze – vermutlich die des schwarzen Jersey-Pullis mit dem silbernen Zippverschluss um 14,90€ von H&M, den, den wir ausnahmslos alle hatten zu dieser Zeit – und die noch dunkleren, noch schwärzeren ja fast schon irritierend schwarzen Locken. Diese Masse an unzähmbaren Locken, derer niemand gerecht werden kann, in denen sich nicht nur meine Hände sondern auch ich selber noch so oft verlieren werden.

Auf der rabenschwarzen Jacke hebt sich das Weiß des runden Anti-Nazi-Absteckers deutlich ab. Es ist jener Button, den es in Geschäften wie dem Rattlesnake oder dem RÄG aber auch auf jedem Konzert und jeder Feier, auf der sich die damalige Jungend eben so herumtrieb, zu kaufen gab. Ich wusste das. Alex wusste das. Alle wussten das.

Zeitgleich mit dem quietschenden Geräusch der alten Straßenbahntüren lösten sich auch Alex’ Augen von den vom Feinstaub grau gefärbten Regentropfen und blickten nur einige Sekunden lang, allerdings lang genug um sich mir ins Gedächtnis zu brennen, zu uns herüber. Stagniert wandert der Blick wieder zu den Regentropfen.

Ich merke, dass Alex uns über die Spiegelung der Fensterschreibe beobachtet. Es ist ein komisches Gefühl, das vermutlich jeder Mensch auf der Welt kennt, der schon einmal mit einem Zug, einer Straßenbahn oder Ähnlichem gefahren ist. Wie so viele Gefühle hat auch dieses zwei Seiten. Einerseits die unangenehme Seite, die, die sich anfühlt als würde dir ein kalter Regentropfen den Rücken entlang der Wirbelsäule hinunterlaufen. Die, die dafür verantwortlich ist, dass du eine Gänsehaut bekommst und dich unwillkürlich schütteln musst, ganz so als wolltest du das Gefühl wegschütteln, doch es gelingt dir nicht. Denn nicht du erzeugst das Gefühl, sondern es wird durch die stille, meist unbemerkte Beobachtung durch jemand anderen erzeugt. Auf der anderen Seite hüllt einen das Gefühl in den grauen, nebligen Schatten der Sicherheit. Des unbemerkt Seins. Es ermöglich, Leute zu beobachten ohne sie direkt anschauen zu müssen. Ohne sich ihnen zuwenden zu müssen, ohne Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Die himmelblauen Augen heften sich also an mein blasses, leicht verschwommenes Bild. Über die Spiegelung hinweg scheinen sie mich festzuhalten, wie gelähmt sitze ich da, starre Alex an, weiß nicht, was ich tun soll, weiß nicht wie ich atmen, reden, mich bewegen soll. Plötzlich ist es als würde ich fallen, Alex wendet den Blick ab, kramt nach etwas in der Jackentasche. Blickt auf, scheint es gefunden zu haben und dreht sich eine Zigarette. Drei Haltestellen später steigt Alex aus. Ich schnappe nach Luft, fühle mich als wäre ich zu lange untergetaucht, als hätte ich zu viel Wasser geschluckt.

Es ist 7:35 Uhr früh, ein Mittwoch.

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