Alex oder mein Leben in Kurzgeschichten II

„They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes ‚Awww!'“
On the road- Jack Kerouac

2.

You are not an innocent girl, I can tell it from looking you in the eyes.“ Alex grinst. Ich sitze rittlinks auf Alex. Alex sitzt auf einem weißen Plastiksessel. Gemeinsam sitzen wir auf dem kleinen, etwas dreckigen Balkon. Gegenüber von uns ist ein anderes Hochhaus, wir schauen direkt auf eine Feuerwand. Links von uns ist das Waikiki Trade Center. Dort, wo wir zur Schule gehen. Dort, wo wir jetzt gerade eigentlich sein sollten, allerdings in letzter Minute beschlossen haben, dass wir dort nicht sein wollen. Nicht alleine und schon gar nicht zu zweit. Wir haben uns vorgenommen nachher noch an den Strand zu gehen. Ein bisschen surfen. Angeblich hätte Alex von einem Hawaiianer gehört, dass die Wellen heute besonders gut sein sollen. Ich bin mir nicht ganz sicher.

Alex erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Seit wir auf Hawaii sind, hat Alex sich die lange Lockenpracht abgeschnitten und trägt jetzt einen Maschinenschnitt. Etwas, was Alex vor einigen Jahren vermutlich noch nicht gemacht hätte. Jetzt sieht man auf dem Hinterkopf einige Narben durchblitzen. Alex behauptet gerne, dass sie von einer Prügelei im Amsterdamer Rotlichtviertel stammen, in Wahrheit stammen sie aber von einem kleinen Radunfall, den Alex im Alter von fünf Jahren hatte. Das würde Alex allerdings nie vor anderen zugeben.

Manchmal fühle ich mich geehrt, dass ich es weiß, bin mir aber gleichzeitig auch nicht ganz sicher, wer es denn noch aller wüsste. Ich traue mich nicht nachfragen, denn ich glaube es auch gar nicht wissen zu wollen.

Alex zieht an dem Joint, bietet ihn mir ebenfalls an, ich lehne dankend ab und angle mir das schon ziemlich zerquetsche Zigarettenpackerl, dass ich vorher achtlos aufs Bett geschmissen habe. Eigentlich ist es bei 35 Grad Celsius viel zu heiß zu rauchen, aber ich habe immer das Gefühl, besonders attraktiv und anziehend zu sein, wenn ich rauche. Jemand hat mir mal gesagt, dass die Art und Weise wie ich rauche und eine Zigarette halte unheimlich elegant wirkt. Das hat natürlich nicht unbedingt dazu beigetragen, dass ich aufhöre zu rauchen oder mich gar einschränke. Auch der exorbitant hohe Preis der Zigaretten kann mich nicht dazu von abhalten. Dafür rauche ich einfach zu gerne.

Alex sieht mich an und streicht mir eine goldblonde Strähne aus dem Gesicht. Meine Haare sind noch leicht feucht, ich hab sie in der Früh gewaschen – einer der vielen verzweifelten Versuche das ganze Salzwasser, das meine Haare bis in die Spitzen austrocknet, auszuwaschen. Ich scheitere kläglich, aber es ist nicht wichtig.

Generell scheint alles hier ein bisschen an Wichtigkeit und Wertigkeit zu verlieren. Das Leben hier ist viel langsamer, gemütlicher, um nicht zu sagen einfacher. Es ist, als würden die Uhren auf Hawaii anders ticken, als würde sich jeder auf sich selber fokussieren, ohne dabei egoistisch zu sein. Carpe Diem oder Aloha wie man hier sagt. Es ist nicht nur ein Wort, sondern ein Lifestyle.

Alex schnippt den ausgerauchten Joint in den kleinen Plastikbecher, der ihm als Aschenbecher dient. Umweltschutz und noplastic waren zu der Zeit noch ein Fremdwort für uns.

 

 

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