„Mit ihm fühle ich mich, als könnte ich die ganze Welt erobern“

Ich habe mich gestern mit einer Freundin zum Frühstücken getroffen. Sie gehört zu den vielen Frauen in meinem Freundeskreis, die ich unendlich bewundere. Sie ist tough und kreativ, lustig und offen, sie scheint vor nichts Angst zu haben und auch irgendwie alles gut zu können. Kurz gesagt: Sie ist toll.

Auf jeden Fall hat sie gestern etwas zu mir gesagt, dass mich nicht mehr loslässt. Sie hat von ihrer Beziehung gesprochen, die schon über drei Jahre geht. Für mich ist das eine halbe Ewigkeit. Meine letzten beiden Beziehungen haben zusammen nicht mal so lange gedauert. Wobei das wohl eher etwas über mich und mein unheimlich gutes Händchen für Männer aussagt, als über sie. Im Gespräch fiel dann folgender Satz / folgende Sätze: „Ich fühle mich so sicher, wenn er da ist. Ich fühle mich so, als könnte ich die ganze Welt erobern“. 

So. Grundsätzlich ist da ja jetzt nicht so viel dabei. Allerdings bin ich ein bisschen Identitätsverlust-geschädigt und habe außerdem noch eine ziemlich hohe Dosis von Nunu Kallers „Fuck Beauty“ intus und frage mich deswegen: woran bitte liegt das, dass wir nicht alleine sein können. Dass wir immer Bestätigung brauchen?

Ich selbst bin mir nicht genug

Es kommt mir ein bisschen so vor, als wäre das ein Mantra, das wir Frauen schon in der Muttermilch mitbekommen haben. „Such dir einen Mann, der dir dann sagt wie super und toll du bist. Dann fühlst du dich so, als könntest du die Welt erobern.“ Dabei schwingt dann noch ein „Kannst du aber eigentlich eh nicht, weil das ist Männersache mit“. Zumindest kommt das so rüber.

Vielleicht ist es nicht die Muttermilch, sondern die Medienwelt und die Gesellschaft. Aber Fakt ist doch bitte, dass Frauen sich Bestätigung von außen holen und, dass sie sich erst dann stark, mutig, unabhängig whatever fühlen, wenn sie einen starken, unabhängigen, feschen Mann an ihrer Seite haben. Wieso sind wir Frauen uns selbst nicht genug und wieso habe ich das Gefühl, dass das ein Frauenproblem, aber nicht unbedingt ein Männerproblem ist?

Das ist kein „Beziehungen sind scheiße“ – Text

Bitte versteht mich nicht falsch. Das ist kein absolut kein Anti-Beziehungstext. Das ist auch kein männerfeindlicher Text. Ganz im Gegenteil. Es ist einfach ein Phänomen, das ich nicht nur bei anderen, sondern auch schon bei mir selber beobachtet habe und dessen Ursprung ich auf den Grund gehen möchte.

Drücken wir das Ganze doch mal überspitzt aus: Seit Jahren kämpfen Frauen für Rechte, Unabhängigkeit und Gleichstellung. Für Gleichberechtigung. Dafür, eine Stimme zu haben und eigenständig sein zu können. Wir Frauen bestehen darauf, das selbe Gehalt wie Männer zu bekommen, wir wollen wählen gehen und nicht um Erlaubnis fragen müssen, wenn wir ein Bankkonto eröffnen. Und trotzdem brauchen wir „den starken Mann“ an unsere Seite, damit wir uns gut fühlen. Damit wir Bäume ausreißen können und die Welt erobern.

Wieso können wir uns dieses Gefühl nicht selber geben? Wieso brauchen wir einen männlichen Counterpart oder eine Beziehung, damit wir uns sicher fühlen? Und wieso muss es eine romantische Beziehung sein? Wieso reicht es nicht, mal eben die beste Freundin oder die Schwester oder Cousine anzurufen? Wieso fühlt sich meine Freundin, mit der ich gestern frühstücken war nicht sicher und so, als ob sie die ganze Welt erobern könnte, wenn sie mit mir frühstücken ist und ich ihr sage, dass sie toll ist?

Wir müssen lernen, alleine klar zu kommen

Genau das habe ich auch meine beste Freundin gefragt. Und sie hat – wie so oft – etwas sehr schlaues gesagt. Nämlich, dass sie nach ihrer letzten Beziehung lernen musste, wieder alleine klar zu kommen. Das Gefühl kenne ich gut, und es war bei mir nicht anders. Auch ich musste lernen, dass es okay ist, wenn ich alleine bin. Und dass es wirklich schön ist, wenn man mal alleine essen geht, ins Theater oder sogar auf Urlaub fährt. Denn erst, wenn wir lernen, dass wir uns selber genug sind, dann können wir uns auch mit uns selber sicher und stark fühlen.

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3 Kommentare zu „„Mit ihm fühle ich mich, als könnte ich die ganze Welt erobern“

  1. Du sprichst da echt was Wahres an: In jedem Film ist das Hauptziel, dass irgendwer mit irgendwem zusammenkommt – selbst wenn es nur ein Actionfilm ist.
    Wenn man in einer langen Beziehung ist, wird man oft auch nur noch als Paar wahrgenommen. Es ist dann wirklich wichtig, Zonen zu haben, wo man alleine Auftritt und für sich ist.
    Und noch ein Gedanke: Oft ist den Leuten die Qualität einer Beziehung egal – Hauptsache, alle ordnen sich hübsch in Zweierreihen ein. Dadurch entsteht oft ein mitleidiger Blick auf Singles, den ich nicht nachvollziehen kann.

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    1. Danke für den Kommentar!

      Ja, tatsächlich werden Paare oft als Einheit wahrgenommen. Aber viele stellen sich auch ganz explizit als solche da: „wir kommen zusammen“, „wir sind auch dabei“, „wir feiern unseren Geburtstag“. Es wirkt oft so, als wäre das „wir“ das einzig richtige Pronomen. Aber wie du auch geschrieben hast: jeder braucht seine Zonen. Jeder braucht seine Möglichkeit zu glänzen und zwar alleine!

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  2. Mich würde interessieren, was die Männer zu dem Thema denken. Vielleicht braucht man grundsätzlich einfach jemanden, der einem den Rücken stärkt und immer hinter einem steht. Meiner Ansicht nach kann das sehr wohl eine gute Freundin sein. Nur hat man zu seinem Partner doch eine andere Beziehung als zu der besten Freundin.

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