Jännerdepression

Piep. Piep. Piep. Piiiiiieeep. Es ist 6 Uhr. Um die Snooze-Taste zu drücken öffne ich nicht einmal die Augen. Eigentlich muss ich noch allerhand erledigen. Die Wäsche machen zum Beispiel oder die Power Point Präsentation für mein Referat, das ich in sieben Stunden halten muss.

Acht Minuten später läutet der Wecker erneut. Ich drücke auf Snooze. Der Wecker gibt nicht auf und meldet sich weitere acht Minuten später wieder mit dem selben, nervtötenden Piepen. Dieses Spiel zieht sich über mehr als zwei Stunden.

Kurz nach acht Uhr warte ich nur mehr darauf, mit meinem Handy in der Hand, dass der Wecker läutet. Wieder drücke ich auf Snooze. Mittlerweile schlafe ich nicht einmal mehr. Ich döse auch nicht und eigentlich muss ich seit einer dreiviertel Stunde aufs Klo. Aber ich will nicht aufstehen.

Draußen ist es grau in grau. Das weiß ich auch trotz der geschlossenen Vorhänge. Wien im Jänner ist immer eine graue Einheitsnebelsuppe. Und draußen – sprich außerhalb von meinem Bett – ist es kalt. Meine Wohnung hat konstant 19 Grad, weil ich zu geizig bin zu heizen. Außerdem fehlt mir das Geld.

Demotiviert und genervt von dem mechanischen, blechernen Geräusch meines Handyweckers kämpfe ich mich aus dem Bett, indem ich mich mit Hilfe einer links Rolle aus dem Bett fallen lasse. Ein schmerzhaftes aber effektives Ritual um tatsächlich aufzustehen.

Fluchend gehe ich ins Badezimmer, ziehe mich aus und stelle mich unter die Dusche. Das heiße Wasser brennt ein bisschen auf meiner Haut, vorsichtig lasse ich es über meinen Kopf rinnen. Ich beobachte, wie einzelne Wassertropfen in den Härchen meiner Arme hängen bleiben. Das Ganze erinnert an ein feines Spinnennetz im Morgentau. Ich hasse Spinnen.

Ich bleibe 10 Minuten unter der heißen Dusche stehen. Währenddessen habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so viel Wasser verschwende. Plötzlich breche ich in Tränen aus, ich halte meinen Kopf unter den Wasserstrahl. Meine Tränen mischen sich mit dem Wasser aus dem Regen-Duschkopf, den ich letztes Jahr von meinen Eltern geschenkt bekommen habe. Ich warte noch ein paar Minuten, bis die Tränen ganz weg sind und nur mehr das jämmerliche Schluchzen zurück bleibt, dass ich von mir gebe.

Schluchzend föhne ich mir die Haare. Ich schaue mich in den Spiegel. Er ist vom Dunst abgelaufen und somit lässt sich nichts darin erkennen. Zum Glück, denke ich und werfe mir einen hasserfüllten Blick zu, den ich nicht sehen kann.

Mit frisch geföhnten Haaren ziehe ich mir meinen Pyjama wieder an, mache mir einen Tee und lege mich auf den Wohnzimmerteppich. Eingewickelt in eine Decke verharre ich hier eine weitere Stunde. Ich starre auf einen Punkt und versuche mir selber vorzulügen, dass ich an nichts denke. Dass ich leer bin. Dass die Leere mich vollkommen eingenommen hat. Es funktioniert nicht. Ständig denke ich daran, wie ich auf dem billigen Teppich eines schwedischen Möbelhaus liege, ins Leere zu starren versuche und mich dabei selbst belüge.

[Feature Image: Photo by Joshua K. Jackson on Unsplash]

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