Wer schön sein will, muss leiden?

Wer schön sein will, muss leiden. Wir alle haben den Spruch wohl schon einmal gesagt. Ich habe lang über diesen Satz nachgedacht, weil er mich wahnsinnig aufgeregt hat. Wir verwenden ihn so inflationär, dass er beiläufig geworden ist – fast so als würde man sagen „Ich kaufe noch schnell einen Liter Milch im Supermarkt“ (Was man natürlich auch nicht machen sollte #vegan). Deswegen habe ich versucht, für mich herauszufinden, was dieser Satz eigentlich bedeutet – und wieso genau er mich so stört.

Wer schön sein will, muss leiden: Menschen

Wenn wir sagen „Wer schön sein will, muss leiden“, meinen wir meistens den Besuch im Waxingstudio, das wöchentliche Augenbrauenzupfen oder aber auch den viel zu dünnen, aber schönen Mantel mitten im Winter zu tragen. Und ja, schöne Dinge können manchmal unbequem und anstrengend sein.

Doch ist das nicht zynisch? Wenn wir das ganze Mal etwas genauer betrachten, sind überhaupt nicht die Endverbraucher*innen diejenigen, die leiden.

Es sind die Schneider*innen und Arbeiter*innen, die in billigen, einsturzgefährdeten Bauten in Asien oft 14 Stunden am Tag sitzen, um sich für einen Hungerlohn im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu arbeiten.

Denn die Wahrheit ist:

„75 Millionen Menschen sind nur dafür zuständig, unsere Kleidung herzustellen. Es dauert 18 Monate lang, bis eine durchschnittliche Schneiderin so viel verdient, wie die/der CEO einer Fashion Marke in ihrer*seiner Mittagspause. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen verdient weniger als $3 pro Tag. Die meisten Kosten spart die Fast Fashion Industrie tatsächlich am Menschen – an ihren eigenen Arbeiterinnen. Billige Kleidung wird oftmals von minderjährigen Arbeiter*innen – häufig erst 14 Jahre oder jünger – hergestellt. Die meisten von ihnen arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen und für einen Hungerlohn. Häufig sind sie auch Opfer von sexueller Belästigung.”*

Das sind die Menschen, die darunter leiden, dass wir uns einbilden, dass wir schön sein müssten. Dass wir immer die neuste Kleidung anhaben wollen und jedem noch so unnötigen Trend nachlaufen, wie eine Herde blinder Schafe. Und das tun wir. Laut Greenpeace Deutschland werden jährlich bis zu 24 verschiedene Kollektionen von den Marktführern Zara und H&M angeboten.

Natürlich erscheint das für uns als Konsument*innen zunächst super. Eine große Auswahl gibt uns das Gefühl von Individualität. Doch die Folgen sind fatal: Pro Jahr kaufen deutsche Verbraucher*innen, laut Studie, im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Wirklich getragen werden die Neuanschaffungen dadurch nur noch halb so lange, wie vor 15 Jahren. Die nicht getragene Kleidung wird in den meisten Fällen einfach weggeschmissen, echtes Recycling findet heutzutage kaum noch statt. Wir gehen immer achtloser mit Rohstoffen und Arbeitskräften um.

Wer also den Ausspruch „Wer schön sein will, muss leiden“ im Zusammenhang mit „Ich trage ein viel zu enges, kurzes, unbequemes Top von einer Fast Fashion Modekette, dass mich weniger gekostet hat, als mein Mittagessen,

aber wer schön sein will, muss leiden“, sollte sich sämtliche Videos zum Thema „Einsturz des Rana Plazas“ oder „So fühlt es sich an, lebendig begraben zu werden“ anschauen. Wer schön sein will, muss leiden.

Wer schön sein will, muss leiden: Tiere

Natürlich leiden längst nicht nur Menschen unter den Fashion Trends: für jedes Paar Lederschuhe, für sämtliche Feder-Applikationen und für jeden Pelzmantel stirbt tatsächlich mindestens ein Tier. Und niemand kann mir erklären, dass es ja Leder von glücklichen Tieren ist. Das funktioniert nicht mal bei der Milch.

Fast noch erschreckender ist, wie viele Beauty- und Make-up-Produkte an Tieren getestet werden. Denen macht es keinen Spaß, wenn sie schön geschminkt und gestylt werden. Die sterben nämlich daran.

Wenn ihr also das nächste Mal den Satz „Oh man diese Tagescreme, die ich absolut nicht brauche, weil ich mindestens 95 andere zu Hause habe, ist total teuer, aber naja, wer schön sein will muss leiden“ sagt, dann denkt daran, dass ihr vermutlich gerade einen kleinen, flauschigen Baby-Hasen tötet.

Wer schön sein will, muss leiden: Umwelt

Ja: auch euer Fast Fashion-T-Shirt tötet.

“Die unverhältnismäßig hohe Massenproduktion von Fast Fashion setzt unseren Planeten zunehmend unter Druck. 12.8 Millionen Tonnen Kleidung werden in den USA jedes Jahr einfach weggeschmissen. Dort gammeln sie über 200 Jahre vor sich hin, setzen giftige Stoffe und Chemikalien frei und verschmutzen Boden und Grundwasser.”* 

Und nicht erst am kurzen Lebensende der Kleidung, sondern schon bei der Produktion werden Umwelt und Rohstoffe schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bereits für den Anbau von konventioneller Baumwolle werden große Mengen an Pestiziden und Dünger verwendet. Laut Greenpeace Deutschland werden über 70 gesundheits- und umweltgefährdende Chemikalien in der Textilherstellung eingesetzt. So zum Beispiel auch Chloride. Diese fungieren als Bleichmittel und Weichmacher und sind hochgiftig. Dass sie auch nach der Herstellung noch nach jedem einzelnen Waschgang die Umwelt weiter belasten, interessiert fast niemanden. In China, einem der Hauptproduktionsländer von Fast Fashion, haben über 320 Millionen Menschen keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser, da das Färben von Textilien die Flüsse und Seen verunreinigt.

Aber Hauptsache ist, wir haben unsere schönen, neuen Sachen, oder? Unsere bunten Jeans oder Lederröcke. Wie viel Leid sie verursacht haben, wird zur Randnotiz.

Auch offensichtliche Umweltprobleme und -folgen, wie zum Beispiel den Klimawandel führen wir gerne auf alles andere, als auf unser irrationales Streben nach Schönheit und Wohlbefinden zurück.

Jede*r von uns kann etwas tun, um das zu stoppen. Dazu gehört auch, aufzuhören, konventionell einzukaufen und zu konsumieren. Oder auch zu hinterfragen, was „Schönsein“ wirklich mit „Leiden“ zu tun hat.

 

 

*Die gekennzeichnete Information ist übrigens nicht von mir. Ich habe sie aus einem tollen Artikel, dessen Link ich nicht mehr finde. Wenn es jemandem bekannt vorkommt, bitte schreibt es in die Kommentare, damit ich die Quelle angeben kann.                            

 

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3 Kommentare zu „Wer schön sein will, muss leiden?

    1. Wirklich? Ich hätte geschätzt, dass es viel mehr sind. 60 Kleidungsstücke hat man ja total schnell zusammen zB durch 3er oder 2er Packkäufe.
      Ich habe früher Gefühl mehr gekauft 🤦🏼‍♀️
      Danke trotzdem für deinen Kommentar, ich werde noch mal nachlesen, ob es dazu vlt einsehbare Statistiken gibt

      Gefällt 1 Person

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