Wieso ich an der Arbeitswelt verzweifle und mein Hobby nicht zum Beruf machen möchte

Ich habe in meinem Leben schon öfter den Satz gehört „Wenn du das tust, was dir wirklich Spaß macht, dann wirst du auch erfolgreich sein.“ Meistens sagen es Leute, die ich eher der „älteren Generation“ zuschreiben würde. Die, die jetzt so um die 50 oder 60 sind. Und ich glaube, dass das einfach nicht stimmt. Meine These ist, wenn du dein Hobby zum Beruf machst, zerstörst du dir jegliche Freude daran.

Gedankenexperiment

Du hast einen Bürojob. 10 bis 12 Stunden pro Tag schaust du in das rechteckige Kästchen vor dir. Es ist der Bildschirm. Neben dir steht ein kleineres rechteckiges Kästchen – der Laptop. Mehr als einmal hast du dich in deinem Leben bereits gefragt, wieviele Tabs man eigentlich gleichzeitig offen haben kann. Wenn die Internetverbindung zu langsam ist, gibt es nur zwei Reaktionen: „Toll, dann kann ich ja gleich wieder nach Hause gehen“ oder „Wieso funktioniert der Scheiß schon wieder nicht? Ich habe eine Deadline“. Meistens lassen sich die Aussagen auch miteinander kombinieren.

Die meiste Zeit fühlst du dich lasch und ausgelaugt – vor allem gegen Ende der Woche. Du hast einfach keine Lust mehr. Du vegetierst vor dich hin, tippst mechanisch irgendwelche Zeilen runter, die immer funktionieren. Vorgefertigte Sätze. Stupide, hohle, sinnlose Phrasen. Du zählst die Minuten bis zur Mittagspause und fragst dich, ab wann die Gänge in die Küche zu auffällig werden.

Sachen wie ‚Wasser holen‘ oder ‚die Post wegbringen‘ werden zur Lieblingsaufgabe. Du fühlst sich wie die Menschen mit Depression, über die du zweimal pro Tag innerhalb 20 Minuten einen Artikel schreibst. Eigentlich lächerlich. Denn ein Leben lässt sich nicht innerhalb ein paar Minuten aufschreiben. So etwas sollte hinterfragt werden. Verstanden werden. Aber das bringt halt keine Klicks. Und das bringt kein Geld.

Ich hatte eine unrealistische Vorstellung der Arbeitswelt

Ich wollte immer in einen kreativen Beruf. Irgendetwas mit Medien und Schreiben. Vielleicht hatte ich auch einfach eine zu romantische Vorstellung von der Arbeitswelt. Ziemlich sicher hatte ich das. Denn einige Praktika und Nebenjobs haben mich zwar schon ein wenig auf diesen ganz anderen Alltag vorbereitet. Aber seien wir uns ähnlich, kein Student kann sich vorstellen, wie es ist, wenn du mehr als 50 Stunden pro Woche im Büro sitzt.

Natürlich hat man auch als Student Stress. Ich war auch in der Situation. Prüfungswochen hatte ich so viele, dass ich nicht mal mehr weiß, wieviele es wirklich waren. Auch ich habe die Bibliothek zu meinem zweiten Wohnzimmer gemacht und so viel Kaffee getrunken, dass ich Koffein-Resistent bin.

Damals habe ich mich danach gesehnt, arbeiten zu gehen. Einen klassischen 9 to 5 Job zu haben und mir nicht ständig überlegen zu müssen, mit wie wenig Schlaf ich trotzdem noch konzentriert lernen kann.

Und dann habe ich beschlossen Journalist zu werden

Ich war davor in der PR. Ich mochte meinen Job und das, wofür die Firma nach außen hin stand. Ich hatte mein eigenes Projekt, das war mein Baby und ich habe gerne dafür gearbeitet. Natürlich habe auch ich mich regelmäßig aufgeregt. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich meine Position vielleicht nicht zu schätzen wusste. Doch in dem Moment fehlte mir die Kreativität. Ich wollte auch selber schreiben und nicht nur Korrektur lesen.

Also hat es mich zurück verschlagen zum Journalismus. Das war nämlich meine ursprüngliche Idee. Schreiben. Das Problem an der Sache ist, dass das Schreiben in meiner Vorstellung und das Schreiben als Journalist zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Das eine hat eigentlich gar nichts mit dem anderen zu tun. Zumindest nicht, wenn man irgendwo als Praktikantin arbeitet. Aber auch so nicht. Zumindest vermittelt mir der Redaktionsalltag diesen Eindruck.

Expectation vs. Reality

Manchmal fühle ich mich wie in einem schlechten Film oder in einem zur Realität gewordenen Memes. In meiner Vorstellung habe ich spannende Texte zu Themen verfasst, die mich tatsächlich interessieren. Ich hab über die Avocado-Krise geschrieben, oder aufgedeckt, was mit Kleidung nach dem Sale passiert. Ich hab Interviews mit Emma Watson geführt und Vorträge darüber gehalten, wie wichtig es ist, dass freie Meinungsäußerung in Europa bestehen bleibt.

Die Realität sieht weniger glorreich aus. Die meisten Vorschläge werden abgelehnt, weil sie nicht der Zielgruppe entsprechen und somit kein Geld bringen. Meistens übersetzte ich Artikel von dem Englischen ins Deutsche. Manchmal kuratiere ich auch Artikel. Selten schreibe ich Kommentare. Meine Eigenleistung hält sich in Grenzen. Ich bin dort, wo ich immer sein wollte und merke, dass ich hier gar nicht hin will.

Es klingt traurig, ist aber wahr

Vielleicht könnte ich einen Unterschied machen, wenn ich mich mehr reinhänge, mehr recherchiere, mehr Zeit aufbringe. Doch auch das ist vermutlich nur ein Überbleibsel der romantischen Vorstellung der Arbeitswelt. Ich glaube, in deiner 0815 Redakteursposition kann man nie einen Unterschied machen. Du bist ein kleines Rädchen in der Maschinerie der Marktwirtschaft. Du bist da um zu funktionieren. Um zu arbeiten. Um der Firma Geld zu bringen.

Natürlich muss man dabei betonen, dass ich auch kein Karrieremensch bin. Ich arbeite, um zu Leben und lebe nicht, um zu Arbeiten. Meine Freizeit ist mir heilig und eine ausgeprägte Work-Life-Balance steht bei mir weit oben. Ich bin der festen Überzeugung, dass man dann auch im Job bessere Leistungen bringt. Niemand der am Limit ist und eigentlich schon längst am Zahnfleisch geht, kann auf Dauer gut, gewissenhaft und effizient arbeiten.

Diese verdammte „40-Stunden“ Woche

Doch genau das macht es irgendwie noch trauriger. Ich wollte etwas, das mir Spaß macht, zu meinen Beruf machen. So wie ich es oft von der „älteren Generation“ gehört habe. Die müssen es ja wissen. Aber jetzt bin ich mir gar nicht mehr so sicher. Ich habe das Gefühl, mein Beruf macht mir das, was ich gerne mache, kaputt. Denn sobald ich aus der Arbeit komme, habe ich keine Lust mehr, etwas zu tippen. Ich schicke bei WhatsApp nur mehr Sprachnachrichten, weil ich die Tastatur nicht mehr sehen kann.

Nach einem 10 Stunden Tag fühle ich mich ausgelaugt und lustlos. Ich versuche sämtliche Freizeitaktivitäten in die paar Stunden zu quetschen. Ich hab ein schlechtes Gewissen, wenn ich Freunden absage, weil ich „gerne etwas Zeit für mich hätte“. Zum Sport schaffe ich es mehr oder weniger regelmäßig – auch nur, weil die Kurse schon bezahlt sind. Aber kreativ sein, etwas lesen, malen oder sogar etwas schreiben? Das ist zu einem Ausnahmefall geworden.

Wieso denn nicht an die Supermarktkasse?

Aber so sollte es eigentlich nicht sein. Ich möchte mir das, was ich gerne mache, nicht durch meinen Job kaputt machen. Meine Mama hat früher immer gesagt „Willst du etwa beim Billa an der Kassa landen?“, wenn ich nicht zur Schule wollte oder keine Lust auf lernen hatte. Damals war es für mich eine Horrorvorstellung. Mittlerweile finde ich es nicht mehr so abwegig.

Vielleicht ist das tatsächlich die Lösung. Nicht unbedingt ein Job als Kassiererin. Aber ein stupider 30-Stunden Job, bei dem man seine Arbeit erledigt und sein Geld bekommt. Es macht Spaß, aber es ist nicht berauschend. Dafür hat man keinen Stress und kann nach der Arbeit einfach gehen und die Arbeit, Arbeit sein lassen. Man kann nach Hause gehen und seine Kreativität anhand von privaten Projekten ausleben wie zum Beispiel ein Blog. Oder man schreibt ein Buch, malt oder macht Musik.

Man kann all die Dinge machen, die sonst immer zu kurz kommen. Für die man normalerweise zu geschlaucht und zu lustlos ist. Zumindest stelle ich mir das gerade so vor. Aber vielleicht bin ich auch mal wieder etwas zu romantisch dafür.

© Photo: Maximilian Marquardt

 

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Ein Kommentar zu „Wieso ich an der Arbeitswelt verzweifle und mein Hobby nicht zum Beruf machen möchte

  1. Na ja, ob ein simpler Job dauerhaft glücklich macht, ist auch wieder so eine Sache, wie ich finde. Aber ich kann sehr gut nachvollziehen wovon du schreibst. Denn mir ging es genauso.
    Ich wollte nach dem Fachabi immer etwas Kreatives machen. Entweder Design studieren oder eine Ausbildung machen. Also habe ich eine Ausbildung zur Mediendesignerin gemacht. Denn ich habe schon immer gerne gezeichnet. Doch die Realität ist, dass auf Knopfdruck für Kundenanfragen kreativ zu sein mir auf Dauer den Spaß am Job genommen hat. Ich mochte nicht mehr wirklich kreativ sein in meiner Freizeit, wollte von Webdesign und überhaupt vom PC nichts mehr wirklich wissen.
    Also habe ich noch einmal umgesattelt und eine Ausbildung zur Altenpflegerin absolviert. Man verdient vielleicht nicht besonders viel und es ist auch teils körperlich anstrengend, doch sehr erfüllend :). Zumindest für mich. Denn es vereint mein Interesse für Medizin und ich kann auch etwas tun, das einen gewissen Sinn erfüllt und mich immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.
    Was mich sonst bewegt lebe ich in meiner Freizeit aus. Sei es, dass ich etwas zeichne oder japanisch lerne.

    Ein simpler Job würde mich auf Dauer nicht glücklich machen. Ich brauche es gefordert zu werden. Nur gerade im kreativen Bereich kann einem dieses auf Knopfdruck funktionieren zu sollen schnell jegliche Freude nehmen.

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